Ein Denkmal aus Diesel
Deutschland hat ein Herz. Es schlägt im Takt einer Zapfpistole. Vom 1. Oktober bis Silvester senkt die Bundesregierung die Energiesteuer auf Benzin und Diesel, bis zu 17 Cent pro Liter an der Säule. Kostenpunkt: rund 2,5 Milliarden Euro, getragen von Bund und Ländern. Die Botschaft ist klar: Wir lassen niemanden zurück. Zumindest niemanden mit Tankdeckel.
Auch bei uns in Hamm wird gefeiert. Jedenfalls an der Zapfsäule. Für alle anderen gibt es, wie so oft, warme Worte aus Berlin.
Hamm: Stadtteil der Fußgänger
Rund 38.900 Menschen leben in Hamm auf gerade einmal 3,8 Quadratkilometern, mehr als 10.000 pro Quadratkilometer. Das ist ein Stadtteil, in dem man eher einen Parkplatz im Lotto gewinnt als in der Querstraße.
Im Bezirk Hamburg-Mitte hatte bei der letzten großen Mobilitätserhebung mehr als die Hälfte aller Haushalte gar kein Auto. Auf 1.000 Einwohner kamen rund 250 private Pkw, der niedrigste Wert aller Hamburger Bezirke. Rein rechnerisch ist der Tankrabatt in Hamm also eine Entlastung für eine Minderheit, finanziert von allen.
Dafür hat Hamm etwas, das andere Stadtteile nicht haben: die B5. Hier rollen Tag für Tag Pendler aus dem Umland durch, frisch subventioniert, Richtung Innenstadt. Die Hammer haben davon den Lärm, die Abgase und die rote Ampel. Man könnte sagen: Der Rabatt fährt durch Hamm hindurch, aber er hält hier nicht an.
Wer nicht tankt, zählt nicht
Millionen Erwachsene in diesem Land können kaum lesen und schreiben. Für sie ist der Tankrabatt ideal: Es gibt kein Formular. Man muss nichts beantragen, nichts verstehen, nur fahren. Vorausgesetzt natürlich, man hat den Führerschein geschafft – und dafür musste man die Theorieprüfung lesen können. Ein kleiner Schönheitsfehler im System.
Jedes Jahr verlassen Zehntausende Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Sie bekommen keine Entlastung, aber eine wertvolle Lektion in Volkswirtschaft: Wer kein Auto hat, ist für die Politik eine Rundungsdifferenz.
Und die Menschen ohne Wohnung? Sie haben zwar keinen Parkplatzstress, aber eben auch keinen Tank. Pech gehabt. Eigenverantwortung beginnt beim Fahrzeugschein.
Babybrei, Spaghetti, Dosenbier
Warum gibt es keinen Rabatt auf Babynahrung? Ganz einfach: Babys wählen nicht. Und sie stehen auch nicht nachts um zwölf hupend vor der Tankstelle.
Warum keinen auf Spaghetti? Nudeln sind das Grundnahrungsmittel all jener, bei denen am Monatsende mehr Monat als Geld übrig ist. Aber Spaghetti machen keine Schlagzeilen. Ein teurer Liter Super ist ein nationaler Notstand. Ein Wocheneinkauf, der seit Jahren immer teurer wird, ist dagegen Alltag – und Alltag hat keine Lobby.
Und Dosenbier? Ein Rabatt darauf wäre natürlich ein falsches Signal. Ein Rabatt auf Benzin dagegen ein richtiges. Verbrennen ist in Ordnung – solange es im Motor passiert und nicht in der Leber.
Ist es also egal, wenn diese Dinge teurer werden? Natürlich nicht. Es fällt nur weniger auf. Wer an der Supermarktkasse ein Teil zurücklegt, steht nicht in der Tagesschau.
Und wo bleibt der Rabatt für Fußgänger?
Fußgänger bekommen eine Schuhsohlenpauschale von null Euro. Radfahrer dürfen sich über den unveränderten Preis von Kettenöl freuen. Und wer auf Bus und Bahn angewiesen ist, merkt am Ticketpreis, dass Mobilität offenbar nur dann förderwürdig ist, wenn sie einen Auspuff hat.
In Hamm heißt das konkret: Wer an der Burgstraße, der Hammer Kirche oder am Rauhen Haus in die U2 oder U4 steigt, zahlt den vollen Preis. Wer mit dem Rad über die Hammer Straße fährt, bekommt gratis Feinstaub dazu. Und wer zu Fuß in den Hammer Park geht, um sich vom Verkehr zu erholen, erholt sich steuerlich völlig ungefördert.
Die Regierung hat aber vorgesorgt: Ab dem kommenden Jahr sollen Entlastungen direkt aufs Konto fließen. Eine großartige Idee – für alle, die eins haben.
Fazit: Der Spiegel zeigt, wer gesehen wird
Der Bundestag brauchte für den Tankrabatt eine halbstündige Debatte. Für Alphabetisierung, Schulsozialarbeit oder Wohnungen für Obdachlose gibt es keine Eilverfahren, sondern Arbeitskreise. Das ist kein Zufall, sondern Prioritätensetzung.
Der Tankrabatt zeigt, wen wir sehen: den Pendler im Stau, laut, motorisiert, mit Hupe. Wer leise ist, kein Auto hat, nicht lesen kann oder auf der Straße schläft, bekommt dafür einen Satz aus jeder Sonntagsrede: „Wir haben alle im Blick.“
Mit 17 Cent kommt man ziemlich weit. Über die B5 sogar bis in die Innenstadt. Nur eben nicht bis zu denen, die in Hamm zu Fuß gehen.
Dieser Text und das Titelbild wurden mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt. Der Tankrabatt selbst wurde vermutlich mit sogenannter Menschlicher Intelligenz erstellt. Vergleiche selbst.